Dunkelfeldmikroskopie

Parasiten verstehen, heißt ihre Lebensräume zu kennen

Der Begriff Parasit bezeichnet einen Schmarotzer. Es gibt keine guten Schmarotzer. Häufig lese ich im Internet den Begriff „guter Parasit“, das ist genauso falsch, wie ein „böser Symbiont“. Die Begriffe Parasit, Schmarotzer, Halbschmarotzer und Symbiont sollten nicht mit menschlichen Assoziationen belegt werden. Wenn ein Wurm symbiontisch lebt, dann ist er ein Symbiont. Wenn sich aber ein Wurm parasitär verhält, dann ist er ein Parasit.

Es gibt im Tierreich einfache Regeln, die das Überleben sichern:

Regel Nr. 1) Sei dort, wo es dir deine Biologie vorschreibt.

Ein Karpfen sollte daher nicht auf einem Kamel durch die Wüste reiten. Auch wenn das Beispiel trivial erscheint, so werde ich in diesem Text zeigen, dass sich zwar viele Menschen in einen Karpfen hineinversetzten können, doch aber häufig die Vorstellungskraft bei Kleinstlebewesen im menschlichen Körper nicht ausreicht. Dies liegt meist daran, dass niemand zuvor je etwas davon gehört hat.

 

Es gibt Krankheiten, die durch Vektoren übertragen werden („vector-borne diseases“)

Vector-borne diseases (abgekürzt: VBDs) sind Krankheiten, die durch Zecken, Milben, Flöhe und Stechmücken übertragen werden während einer Blutmahlzeit auf einem Wirt/Opfer. Das bedeutet, dass während einer Kontaktzeit Pathogene, also krankmachende Organismen in diesem Fall, durch Vektoren (tierische Taxi) in einen neuen Wirt eingeschleust werden oder zumindest die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass ein krankmachender Parasit in den neuen Wirt selbstständig einwandern kann (beispielsweise durch Kotabsatz auf dem Wirt).

Die krankmachenden Parasiten sind äußerst vielfältig und umfassen: Viren, Bakterien, Protozoen sowie Helminthen (Schmarotzer-Würmer) und diese können im Endwirt zu einer Plage, Gefahr, Krankheit oder zum Tode führen.

Wenn man sich nun aber in das Leben eines Parasiten hineindenkt, muss man zuerst eine Frage stellen:

Wie kommen die Viren, Bakterien, Protozoen oder Würmer in das Insekt (in den Vektor) hinein?

Eine logische Antwort ist: Durch die vorangegangene Blutmahlzeit.

Die Antwort ist zwar richtig, aber dabei muss man mehrere Faktoren berücksichtigen.

Die Erreger müssen sich im kapillaren Blut befinden, sonst geht die Übertragung nicht. Der Begriff „Erreger“ sagt ja aus, dass dieser Eindringling nicht unbemerkt bleibt, sei es vom befallenen Organismus oder vom Immunsystem. Jedenfalls sind Parasiten frei im Blutstrom gefährdet, weil sie potentiell vom Immunsystem überwältigt werden können.

Zum einen halten sich deshalb Erreger nur dann im Blut auf, wenn auch ein passender Vektor naht oder die Erreger sind so klein, dass sie sich irgendwo im Blut verstecken können.

Deshalb nutzen Bakterien und Protozoen die Blutzellen als Versteck und die viel größeren Würmer tauchen nur zu gewissen Tageszeiten im kapillaren Blut auf.

Für die Jenigen, die Blut mikroskopieren sind das wichtige Begebenheiten.

Halten wir also fest, dass alle Parasiten, die einen Vektor (insektisches Taxi) nutzen, befinden sich immer oder zeitweise im kapillaren Blut.

Häufig handelt es sich hierbei um Zoonosen, Erkrankungen welche nicht nur eine Tierart betreffen, sondern auch den Menschen befallen.

 

Bei den hundeartigen Tieren umfasst die Liste der „Vector-Borne Diseases“:

  • Anaplasmose (wird auch granulozytäre Ehrlichiose genannt und wird durch Bakterien der Gattung Rickettsiaceae verursacht)
  • Babesiose ((Synonym „Hundemalaria“, Piroplasmose) ist eine durch Haemosporidien der Gattung Babesia hervorgerufene Infektionskrankheit)
  • Bartonellose (ist eine durch Bakterien verursachte Infektionskrankheit)
  • Borreliose (ist eine durch Bakterien verursachte Infektionskrankheit)
  • Dirofilariose (ist eine durch Fadenwürmer verursachte Infektionskrankheit)
  • Ehrlichiose (ist eine durch Bakterien verursachte Infektionskrankheit)
  • Leishmaniose (Infektionskrankheit, die durch Protozoen, sogenannten Leishmanien, ausgelöst wird)
  • Rickettsiose (Rickettsiosen sind Erkrankungen, die durch Rickettsien, obligat intrazelluläre Bakterien, hervorgerufen werden)
  • und Thelaziose (Fadenwürmer (Nematoden) der Gattung Thelazia)

Quellen:

  • Baneth, G., Bourdeau, P., Bourdoiseau, G., Bowman, D., Breitschwerdt, E., Capelli, G., Cardoso, L., Dantas-Torres, F., Day, M., Dedet, J.P., Dobler, G., Ferrer, L., Irwin, P., Kempf, V., Kohn, B., Lappin, M., Little, S., Maggi, R., Miro, G., Naucke, T., Oliva, G., Otranto, D., Penzhorn, B., Pfeffer, M., Roura, X., Sainz, A., Shaw, S., Shin, S., Solano-Gallego, L., Straubinger, R., Traub, R., Trees, A., Truyen, U., Demonceau, T., Fitzgerald, R., Gatti, D., Hostetler, J., Kilmer, B., Krieger, K., Mencke, N., Mendao, C., Mottier, L., Pachnicke, S., Rees, B., Siebert, S., Stanneck, D., Mingote, M.T., von Simson, C., Weston, S., Forum, C.W., 2012. Vector-borne diseases–constant challenge for practicing veterinarians: recommendations from the CVBD World Forum. Parasites & vectors 5, 55.
  • Baneth, G., Florin-Christensen, M., Cardoso, L., Schnittger, L., 2015. Reclassification of Theileria annae as Babesia vulpes sp. nov. Parasites & vectors 8, 207.

 

Alle Mikroskopie-Begeisterten, die mit kapillarem Blut arbeiten treffen früher oder später auf „Vector-Borne Diseases“.

Es ist interessant, wie viele Bakterien alleine in der Lage sind sich in Immunzellen zu verstecken, wie Leishmaniose, Anaplasmose, Chlamydiose, Legionellose. Aber auch die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten, werden gerne genutzt von Bakterien und Protozoen, denken wir nur an Babesiose, Bartonellose, Borreliose oder Malaria. Oft bevölkern diese Organismen zuerst gerne noch andere Zellen, wie Endothelzellen (Zellschicht in den Blutgefäßen) oder die Leber (wie bei der Malaria) und dann schwärmen sie in das Blut aus und dringen in die Blutzellen ein. Viele Erreger findet man dann nur außerhalb der Blutzellen während eines Fieberschubes (wie beim Rückfallfieber oder der Malaria). Das Fieber entsteht, weil die roten Blutzellen platzen und das Hämoglobin dann frei zirkuliert. Deshalb gib es die roten Blutkörperchen ja, weil das Hämoglobin sicher verpackt sein muss. Schweiß, wie bei einem Fieberschub, zieht die Stechinsekten wie ein Magnet an.

Um überhaupt in ein (aus der Sicht des Parasiten) Insekt zu gelangen, muss der Parasit Einfluss auf den Körper nehmen.

Dazu gibt es verschiedene Strategien: Das Tier oder der Mensch muss langsamer werden, dies ist vor allem für Bakterien und Protozoen wichtig, die in eine Zecke hinein wollen. Mücken können schneller hinter ihrem Opfer herkommen, Mücken bevorzugen aber dennoch schlafende Opfer. Um ein Opfer zu verlangsamen nehmen manche Erreger Einfluss auf die Füße (Hinterbeine) durch schlechtere Versorgung mit Blutgefäßen oder durch neurologische Defizite.
Eine Strategie ist es die Hautoberfläche unempfindlicher zu machen, damit die Zecke besser an ihrem Opfer hochklettern kann. Um ein Opfer zu verlangsamen verschlechtern viele Parasiten die Augen des Wirtes, wie z.B. bei der Dirofilariose.

Kommen wir noch einmal auf den Anfang des Textes zurück:

Regel Nr. 1) Sei dort, wo es dir deine Biologie vorschreibt.

Ich wundere mich oft, dass viele Menschen denken, dass die Borrelien (Borrelia burgdorferi, heute: Borreliella burgdorferi) nicht im Blut zu finden seien. Wenn Borrelien sich nicht im kapillaren Blut aufhalten würden, dann muss ich doch ernsthaft fragen: „Wie kommen die Borrlien in die Zecke hinein?“

Der Verpackungstrick mit den roten Blutkörperchen ist absolut genial: Gut geschützt vor dem Immunsystem, gut ernährt durch den Blutzucker (man denke nur das das verzuckerte Hämoglobin „HbA1C“) und man gelangt mit absoluter Sicherheit in das Saugorgan der Zecke. Als Borrelia (und Borreliella), Bartonella oder Babesia muss man dann nur noch auf den Temperaturwechsel achten, damit man weiß, wann man im Zeckendarm angekommen ist. Erst wenn die Zecke in ihrer neuen Lebensphase wieder warmes Blut saugt, wird es für die Erreger Zeit sich auf den neuen Wirt vorzubereiten.

Wissenschaftliche Quellen für intraerythrozytäre Spirochäten:

Mooser H. Erytrozyten-adhäsion und hämagglomeration durch rückfallfieber-spirochäten. Tropenmed Parasitol. 1958;9:93–111; Nils Burman, Alireza Shamaei-Tousi, and Sven Bergström

The Spirochete Borrelia crocidurae Causes Erythrocyte Rosetting during Relapsing Fever. (1998)
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC107974/

Erythrocyte-aggregating relapsing fever spirochete Borrelia crocidurae induces formation of microemboli.
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10558950

Relapsing fever Borrelia binds to neolacto glycans and mediates rosetting of human erythrocytes. (2009)
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19884498

2 comments

  1. Einfach genial geschrieben und ausgedacht!
    L.G. Rein.

    1. Danke lieber Rein!!!!

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