Enzephalitozoonose cuniculi und immungeschwächte Menschen

Die Enzephalitozoonose ist eine Erkrankung des Zentralennervensystems und befällt nicht nur Kaninchen und Mäuse, sondern auch den Menschen, wobei hier immer auf immungeschwächte Menschen verwiesen wird.

Quelle: Canning E.U. and Hollister W.S. In vitro and in vivo investigations of human microsporidia. J Protozool 1991; 38(6):631-635

Der Erreger nennt sich „Enzephalitozoon cuniculi“ und gehört zu den Mikrosporidien.

Der Erreger der Enzephalitozoon cuniculi wurde erstmals 1922 durch Wright und Craighead beschrieben und seit 1923 besitzt er seinen Namen.

In den folgenden Jahren wurde die Erregermorphologie und -entwicklung von verschiedenen Autoren genauer untersucht und beschrieben.

Quelle: Goodpasture E.W. Spontaneous encephalitis in rabbits. J Inf Dis 1924; 34:428-32

Die seit 1992 bis heute akzeptierte taxonomische Klassifikation des Erregers beruht auf morphologischen Kriterien und speziellen Merkmalen des Entwicklungszyklus, wird aber immer mehr durch neuere Tests verdrängt, was typisch ist für unsere Zeit.

Quelle: Sprague V., Becnel J.J. and Hazard E.I. Taxonomy of phylum Microspora. Critical Rev Microbiol 1992; 18(5/6):285-395

In der Humanmedizin werden zum Nachweis der Enzephalitozoonose zunehmend mikrobiologische Diagnostikmethoden, wie die PCR, zum Nachweis von E. cuniculi-Antigenen im Kot und verschiedenen Körperflüssigkeiten u.a. Urin und Liquor cerebrospinalis eingesetzt.

Quelle: Didier E., Visvesvara G., Baker M., Rogers L., Bertucci D., De Groote M. and Vossbrinck C. A microsporidian isolated from an AIDS patient corresponds to Encephalitozoon cuniculi III, originally isolated from domestic dogs. J Clin Microbiol 1996; 34(11):2835-2837

Der Lebenszyklus des Erregers verläuft in einem Wirt vollständig ab und benötigt somit keine Zwischenwirte. Der Erreger lebt intrazellulär. Die Spore (Dauerform) ist ca. 1,5 – 2,5 μm mal 1,5 – 4,0 μm groß, oval geformt und besitzt eine dicke dreischichtige chitinhaltige Zellwand, diese wird mit dem Urin ausgeschieden und kann so mit dem Mikroskop entdeckt werden.

Quelle: Pakes S.P., Shadduck J.A. and Cali A. Fine structure of Enzephalitozoon cuniculi from rabbits, mice and hamster. J Protozool 1975; 22(4):481-488

Beim Menschen spricht man nicht von einer „Enzephalitozoonose“, sondern von „Nosema connori“, auch hier werden neurologische Beschwerden beschrieben. Nicht bei jedem bricht die Krankheit aus, so sollen ca. 10% der Tierhändler Antikörper besitzen.

Der Erreger sitzt häufig im Nervengewebe, außerdem wurden Zystenbildungen und Mikroabszesse ohne umgebende Entzündungsreaktion beschrieben. Atypische Symptome sollen vielfältige psychiatrische und neurologische Symptome sein (wie Depression, leichte Hemiparesen, Anfallsleiden oder Stupor (Starrheit)), außerdem Myositis (entzündliche Erkrankung der Skelettmuskulatur) und intestinale Beschwerden.

Quelle: Shadduck J.A. Human Microsporidiosis and AIDS. Rev. Inf. Dis. 11, 1989, 203-207

Beim Kaninchen werden vor allem das Gehirn und die Niere befallen. Typisches Zeichen ist der schiefe Kopf, wodurch die Krankheit auch umgangssprachlich als „Sternguckerkrankheit“ bezeichnet wird. In Wirklichkeit ist der Hals verdreht (Schiefhals = Torticollis), wodurch der Kopf nicht mehr gerade sitzt. Auslöser dafür ist eine Verkrampfung der Halsmuskulatur.

Viele weitere Symptome finden Sie hier:

Die Symptome einer Encephalitozoonose beim Kaninchen sind neurologische Störungen, wie Schiefhals (Torticollis) häufig mit Augenbewegungen (Nystagmus), Störungen der Bewegungskoordination (Ataxie), steifer Gang, Lähmungen und Krämpfe. Tiere mit starker Gehirnaffektion drehen sich im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf unkontrolliert um ihre eigene Längsachse und müssen dann auf einer Gummimatte gehalten werden um die Verletzungsgefahr zu mildern. Oft wird beobachtet, dass Stress die neurologischen Symptome prompt verstärkt. Die Krankheit kann sich aber auch in Form einer Niereninsuffizienz äußern, wodurch der Urin sehr wässrig erscheint und es zu einem Muskelabbau kommen kann. Auch Linsentrübung und Entzündung der mittleren Augenhaut nach Ruptur der Linsenkapsel können sich zeigen. Vor allem bei Außenhaltung besteht bei neurologischen Störungen aufgrund der eingeschränkten Bewegungsmöglichkeit und damit der Körperpflege die Gefahr eines Fliegenmadenbefalls.

Die Therapie in der Tiermedizin erscheint recht logisch aufgebaut zu sein und besteht aus Antibiotika und Antiprotozoika kombiniert, damit der Erreger abgetötet wird. Dann werden häufig B-Vitamine gegeben, damit sich das Nervensystem erneuern kann. Infusionen mit Mineralien sind wichtig um die Nieren zu spülen und um verlorengegangene Mineralien aufzufüllen.

Ob man Cortison geben soll wird hingegen sehr kritisch gesehen und ist wohl erst geeignet, wenn die Erreger nicht mehr die Hauptlast darstellen.

Quelle: Cohn L.A. Glucocorticosteroids as immunosuppressive agents. Seminars in veterinary medicine and surgery (small animal) 1997; 12(3):150-156

 

Was kann noch beim Kaninchen zu neurologischen Ausfällen führen?

Zur besseren Abgrenzung sind hier noch ein paar Faktoren aufgezählt, die auch das zentrale Nervensystem beeinträchtigen:

Pasteurellose (Pasteurella multocida), Trauma, Toxoplasmose, Neuro-Syphilis, Vitamin-Mangel, Ohrmilben (Psoroptes cuniculi, Chorioptes cuniculi), Listeriose, Sarcocystis leporum, Drehwurmkrankheit (Coenurus cerebralis), zerebrale Nematodiose (wandernde Larven der Gattung Baylascaris procyonis und Ascaris columnaris).

Quellen: Dade A.W., Williams J.F., Whitenack D.L. and Williams C.S.F. An epizootic of cerebral nematodiasis in rabbits due to Ascaris columnaris. Lab Anim Sci 1975; 25:65-9
Deeb B.J. and Di Giacomo R.F. Cerebral larva migrans caused by Baylascaris sp. in pet rabbits. J Am Vet Med Assoc 1994; 205:1744-1747

Mehr Informationen in dieser Dissertation:

„Evaluierung von Liquorpunktion und PCR zur klinischen Diagnose der Enzephalitozoonose beim Kaninchen

Inaugural-Dissertation zur Erlangung der tiermedizinischen Doktorwürde der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München; vorgelegt von: Ariane Jaß aus Gräfelfing, München 2004“

 

 

Mit freundlicher Genehmigung hat mir eine Familie dieses Symptom-Tagebuch zur Verfügung gestellt:

Floppy’s Symptom-Tagebuch

7.8.2011

  • Über dem Hinterteil Hautfalte ausgetrocknet
  • Starke Gewichtsabnahme, mager, kein Fettgewebe tastbar
  • schwarzes Fell glänzt am Hinterteil bräunlich
  • Augen offen, wach, orientiert
  • Schleimhäute (Auge) etwas blass, aber blass/rosa, trocken
  • Starker Durst -> viel Urinieren (Vielleicht kann er die Blase nicht richtig steuern, kann aber auch vom exzessivem Trinken kommen), Fell verfilzt um Analregion
  • Starker Hunger (Frisst das, was man ihm vor die Nase hält)
  • Gähnt häufig
  • Stellreflexe der Hinterläufe beidseitig stark vermindert, aber vorhanden
  • Analreflex vorhanden
  • Muskelabbau Hintergliedmaßen, evtl. Ketose
  • Köttel normal
  • Pupille wirkt recht starr
  • Zystische Veränderung im Bauch
  • Maulhöhle: Zahnstatus soweit erkennbar normal. Keine Fremdkörper, keine Verletzungen.

8.8.2011

  • Tierarzt Besuch: Blutabnahme und Verdacht auf Diabetes.

9.8.2011

  • Stellreflexe beidseitig etwas besser
  • Dafür stärker ausgetrocknet (Hautfalte verstreicht nur langsam über den gesamten Rücken)
  • Verfilzung weggeschnitten, Haut dünn, reißt leicht ein
  • Kaninchen schlapp, kaum Abwehrverhalten
  • Trinkt sehr oft, mehr als normal und häufiger als normal
  • Floppy ist wach, orientiert, aufmerksam und hungrig
  • Die Hinterläufe werden immer zusammen benutzt (keine Einzelschritte), daher steifer Gang

12.8.2011

  • Tierarztbesuch: Besprechung der Blutergebnisse
  • Glucose 155mg/dl
  • Nierenwert und Differntialblutbild auffällig
  • Nach dem Tierarztbesuch (Stresssituation):
  • Starke Koordinationsstörungen
  • Spastische Anfälle
  • Schwankgang, Schaukelgang (Schwindel)
  • Torticollis (Schiefhals) nach rechts
  • Fällt beim Laufen um, Gleichgewichtsstörungen, kann sich aber von allein aufrichten
  • Trinkt weniger
  • Frisst viel (Allerdings nach zwei Tierarztbesuchen erst nicht!)
  • Nächster Tierarztbesuch: Beurteilung des Zustandes nach vorherigem Tierarztbesuch (Stress)
  • 0,3ml Baytril® 2,5% (Enrofloxacin)

13.8.2011

  • Zustand hat sich verbessert
  • Vermutlich Stress durch erneuten Tierarztbesuch, da am nächsten Tag wieder schlechter
  • Vermutlich 0,3ml Baytril® 2,5%

14.8.2011

  • Kaninchen wieder schlechter
  • Augen beginnen zu tränen, kein Eiter, Bindehaut gerötet
  • Torticollis (Schiefhals)
  • Nystagmus (Augen ziehen vertikal, linkes Auge zieht nach oben, gleichzeitig zieht rechtes Auge nach unten)
  • Fällt beim Heben der Vorderläufe um
  • Kein Schwanken
  • Frisst viel
  • Trinkt weniger
  • 0,3ml von Irgendwas (Vermutlich Baytril® 2,5%) ins Mäulchen
  • 18,75mg Panacur®

15.8.2011

  • Tierärztin bestätigt den Verdacht auf Encephalitozootonose
  • Änderung: vermutliches Antibiotikum Chloramphenicol (bis zum 17.8.2011)
  • Gibt Panacur® (Menge unbekannt) bis 29.8.2011

20.8.2011

  • Kein Nystagmus mehr (wohl seit 17.8.)
  • Fällt seltener um (Außer nach Stress)
  • Sehr Stressempfindlich
  • Kopf dauerhaft schief (seit dem 14.8.)
  • Pupillen nicht mehr starr
  • Trinkt wieder mehr
  • Hautfalte verstreicht langsam, wieder mehr ausgetrocknet

21.8.2011

  • Hautfalte verstreicht schneller, Wasserhaushalt kann sich von allein regulieren
  • Trinkt wieder mehr
  • Frisst normal (nicht mehr „kopflos“)
  • Kopf schief

22.8.2011

  • Morgens gut, Kopf weniger schief
  • Tierarztbesuch: am Nachmittag
  • Floppy wurde gewogen und in die Schnauze geguckt
  • Tierärztin meint, dass es doch nicht Encephalitozootonose sei, eher was gepatztes im Kopf oder Tumor, zystische Veränderung im Bauch ungeklärt

Besuch in einer Tierklinik:

Diagnose

Die beschriebenen Symptome sprechen für einen Befall mit Encephalitozoon cuniculi mit Manifestation in ZNS und Nieren.

Zur Begründung:

Charakteristisch sind die Encephalitis mit Schiefhaltung des Kopfes, die typische Ataxie, der Nystagmus und der verzögerte Pupillarreflex sowie die Niereninsuffizienz.

Die Schiefhaltung um 90° sowie die Heftigkeit der Rotationsbewegungen sind als hochgradige Störungen aufzufassen.

Die Nierenwerte sind unphysiologisch erhöht (Soll: Urea < 40 mg/dl, Krea < 2mg/dl).

Weitere Diagnosesicherung:

  • Ein Test auf Antikörper (Tuschetest) gegen E. cuniculi
  • Ausschluss einer Ohrenentzündung, da aber Beteiligung der Nieren, eher unwahrscheinlich
  • Ausschluss einer Toxoplasmose. Toxoplasmose kann mit Encephalitis einhergehen; klinisch-symptomatisch wären in diesem Falle wässrig-purulente (eitrig) Exsudate aus Nase und Augen zu erwarten sowie Appetitlosigkeit, was in diesem Falle nur zum Teil beobachtet werden konnte.

9.10.2011

  • Stellreflexe wieder normal
  • Hat zugenommen: 1,8kg
  • Läuft viel
  • Frisst am liebsten leicht verdauliche Kohlenhydrate (Vermutlich um Nieren zu entlasten, daher könnte man Gurken und Zwieback gut als Nierendiät geben)
  • Schiefer Kopf
  • Koordinationsschwierigkeiten beim Napf ansteuern
  • Putzt Vorderfüße indem er sie nicht vom Boden abhebt
  • Wach, orientiert, lebenslustig
  • kein starkes Urinieren und kein vermehrtes Trinken

Ein halbes Jahr später sank die Körpertemperatur von Floppy und er schlief ein.

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